Gesellschaft & Politik

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Wie sieht die Gesellschaft aus?

Die korrekte Antwort auf diese Frage müssten lauten: Welche?

Durch den Zusammenbruch der Eurasischen Konförderation und die Rückentwicklung der Kommunikation ist die Gesellschaft stark zersplittert. Siedlungen, die schon zu Zeiten der Konförderation weit voneinander entfernt waren und in einem galaxieumspannenden Imperium nach ihrer Individualität strebten, entwickelten sich noch weiter auseinander. So gibt es heute alle Arten von Regierungsformen. Ihnen allein gemein ist, dass sie die alte Konförderation idealisieren, alle mit ihren eigenen Interpretationen. Die meisten von ihnen sehen sich als die wahren Nachfolger der Konförderation und Bewahrer ihrer idealistischen Ziele von menschlicher Zusammenarbeit über alle Unterschiede hinaus.

Dabei kann nicht geleugnet werden, dass deutliche Unterschiede erkennbar sind: Die Ursprungssysteme, schon immer stark besiedelt und mit wertvollen Ressourcen beschenkt, halten einen Lebensstandard, von dem alle anderen nur träumen können. In den Randgebieten ist das Leben hart und von Kargheit geprägt. Es gibt weder eine einheitliche Gesetzgebung noch ein einheitliches Wirtschaftssystem, Absprachen und Verträge eher Richtlinien. Ganze Siedlungen werden plötzlich vom Rest der Galaxis abgeschnitten, weil es sich nicht mehr lohnt, sie zu besuchen. Jede Regierung und jeder Mensch kämpft für sich allein.

Der Weltraum ist kalt und dunkel, doch die Menschen wären nicht Menschen, wenn sie sich ihre Hoffnung nicht bewahren würden. Hinter der Außenhülle ist alles leer und tot, doch sie sind am Leben und kompensieren diese Leere – und das Wissen um die wenige Zentimeter Stahl, die sie davon trennen – durch überbordende Lebensfreude, bunte Farben, laute Feiern und den Wunsch, ihr Leben vor anderen und vor sich selbst besser darzustellen, als es ist. Aus diesem Grund werden alle, die ein solches Leben versprechen oder vorleben, zu Vorbildern, Stars und manchmal auch Heilsfiguren. Die Menschen fühlen sich stark verbunden mit ihren Herkunfts-Siedlungen oder ihrer Wahlheimat, denn sie allein kennen den richtigen Weg. Das müssen sie, sonst gäbe es ja keine Hoffnung. Wer keine Heimat hat, sucht sich eine Gruppe Gleichgesinnter, mit denen er oder sie andere Gemeinsamkeiten teilt.

Wie ist das mit der Politik?

Siedlungen werden heute noch immer als „Elektoratseinheiten“, „Verwaltungseinheiten“ oder, kurz, „Entitäten“ bezeichnet – ein Überbleibsel der alten Konförderation. Das Ansinnen war früher einmal, dass jede lokal abgegrenzte Ansammlung von Menschen basisdemokratisch einen Vertreiter wählt und ins Parlament entsendet. Das funktioniert schon bei seiner Einführung mehr oder weniger gut. Es gibt sie noch, die Siedlungen, die regelmäßige Wahlen abhalten. Es gibt aber, unter anderem, auch Feudalsysteme mit Dynastien, Technokratien, Plutokratien, Info- oder Telekratien, Herrschaft der Stärksten, die über rituelle Duelle bestimmt wird oder Herrschaft derjenigen mit den meisten Followern. Diejenigen, deren Herrschaftsbasis ihre Beliebtheit ist, finden immer neue, extreme, PR-Kampagnen. So arbeiteten sich die Medien zuletzt ab an der politischen Hochzeit zwischen Lila, der bekanntesten Make-Up-Video-Erstellerin und BobUKW, der in seinen beliebten Videos kreative Verschwörungen im EURAP und in anderen Entitäten aufdeckt.

Verwaltungseinheiten können eine beliebige Größe haben. Heute sind sie oft eher kleiner und die persönlichen Beziehungen innerhalb dieser Gruppen haben so auch schnell eine politische Dimension. Fast jede Gruppe, die sich als unabhängig erklärt, kann einen Vertreter zum EURAP auf Sol schicken. Diese Wahlkreise sind nach der Definition des EURAP, die nie geändert wurde, alle demokratisch.

Bewaffnete Konflikte sind selten, denn es ist viel billiger, einen Krieg über Falschinformationen oder Abschneiden von Versorgungsrouten auszutragen, sich zu unterwandern oder Propagandaschlachten zu liefern. Zur Auflösung von Konflikten werden auch gern kreative Lösungen wie ein Dance-Off oder andere Zweikämpfe herangezogen. Oft fehlt es auch schlicht an banalsten Ressourcen oder man kann sich die Schiffspassage zum verhassten Nachbarn nicht leisten – aber ein Hatevideo geht immer.

Heute ist der EURAP das einzige noch sichtbare und (halbwegs) funktioniere Überbleibsel der Eurasischen Konföderation und der einzige Ort, an dem theoretisch alle Elektoratseinheiten zusammenkommen.

Nach dem Zerfall der EuraK begann man über die Zeit hinweg wieder damit, sich auf der Erde zu treffen. Sol liegt noch immer im Zentrum des besiedelten Raumes. Der Eurasio-Afro-Pazifische Senat der Vereinten Elektoratseinheiten und unabhängigen Entitäten ist heute ein Ort des informellen Austausches. EURAP ist kein klassisches Parlament mehr und kann auch keinen galaxieumspannenden technokratischen Bürokratien mehr Weisungen erteilen. Es ist ein Basar, wo man um Technologie, Schiffrouten, Rohstoffe, Waren und Andockhäufigkeiten feilscht. Wo planetare Anführerinnen hinreisen um ihre lokale Herrschaft zu legitimieren, ein Ort wo Feinde auf neutralem Grund informell sprechen können. Ein Ort für Spione und schmutzige Geschäfte.

Es ist der zentrale Hotspot für Mode und Trends, Menschen kommen, um zu sehen und gesehen zu werden. Und es ist der Ort für Klatsch und Tratsch, die neuesten Nachrichten, die neusten Entertainmentprogramme, alles.

Sol und ihre Borderguard, die Le.G.I.O.N., haben ein sehr genauen Blick auf all die Vorgänge auf der Erde. Als selbstbetitelte Bewahrer des Erbes der Konföderation schätzen sie das Wiederaufleben des gemeinsamen Treffens und Beratens, aber sie sind sich auch der Begehrlichkeiten und alten Feindschaften zwischen ihnen und ihren … Gästen bewusst.

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